Feministische Solidaritäten
Ausstellung zur Unterstützung von Yulia Tsvetkova
Im August 2020 veranstaltete die Kulturfabrik Moabit in Berlin eine Ausstellung in Solidarität mit Yulia Tsvetkova. Die Ausstellung wurde von ca. 200 Personen besucht, wir haben 720 Euro zur Unterstützung von Yulia gesammelt. Hier finden Sie einige der Ausstellungsmaterialien in einem Online-Format.
Wer ist Yulia Tsvetkova?
Yulia Tsvetkova ist Theaterregisseurin, intersektionale Künstlerin, Feministin und LGBTIQ-Aktivistin aus Komsomolsk-am-Amur, Russland. Sie ist eine politische Gefangene des Kremls. Seit dem 5. Februar 2019 wird Yulia vom Staat verfolgt. Die Polizei und die örtlichen Strafverfolgungsbehörden haben alle ihre Projekte und Formen von Bildungs- und Kreativaktivitäten untersucht. Es wird immer noch nach einem Grund gesucht, sie strafrechtlich zu verfolgen. Die Künstlerin muss mit 2 bis 6 Jahren Gefängnis rechnen. Yulias Fall ist ein Versuch des Staates, homophobe und frauenfeindliche Gesetze zu verschärfen, deren Zahl seit 2013 erheblich zugenommen hat. Das schafft Bedingungen, die manchmal für das Leben unerträglich sind.
Auszeichnungen
Im Dezember 2020 nannte der russische Verband der Theaterkritiker*innen Yulia Tsvetkova zur "Person des Jahres 2020"
Im Oktober 2020 wurden Yulias Gemälde vom Stedeleyk City Museum in Amsterdam erworben
Im Dezember 2020 führte Yulia Tsvetkova das jährliche Artguide-Rating als eine der einflussreichsten Figuren der russischen Kunst an
Yulia Tsvetkova ist nach Anna Politkovskaya die zweite Person aus der Russischen Föderation, die Preisträgerin des internationalen Preises "Index of Censorship" in der Kategorie "Art" wurde
Yulia Tsvetkova auf der BBC 100 Frauen-Liste 2020
Wie können Sie Yulia ‌Tsvetkova‌ unterstützen?
Die Petition unterschreiben.

Schreiben Sie einen Appell an die russische Präsidialverwaltung:
1. Folgen Sie dem Link.
2. Wählen Sie unten "Einen Brief schreiben" (“Написать письмо”).
3. An dieser Stelle weisen wir darauf hin, dass die Petition an die "Verwaltung des Präsidenten der Russischen Föderation" ("Администрация Президента Российской Федерации") gesendet wird.
4. Geben Sie Ihren vollständigen Namen und die E-Mail-Adresse an.
5. Schreiben Sie manuell in das Texteingabefeld: "Обращаюсь к Вам с просьбой закрыть уголовное дело в отношении режиссера и художницы Юлии Цветковой в связи с отсутствием состава преступления.” (“Ich bitte Sie, das Strafverfahren gegen die Regisseurin und Künstlerin Yulia Tsvetkova wegen des Fehlens eines Straftatbestands abzuschließen.”).
6. Fügen Sie der Datei die Beschwerde bei und klicken Sie auf die Schaltfläche "Brief senden" (“Отправить письмо”).

Spenden Sie über Yandex Money oder PayPal.
Artikel über das Merak Theater und Yulias Fall:
Kuratorin Kira Shmyreva über die Ausstellung in Berlin
Die Geschichte von Yulia Tsvetkova ist eine Geschichte und viele Geschichten der feministischenSolidaritäten und Praktiken der Fürsorge im (Kunst-)Aktionismus, -aktivismus und im feministischenSchreiben, die nicht in den Rahmen “traditioneller Werte” der Staatspolitik passt. Diese Praktikensind die Gegenwart und die Zukunft von Russland, an denen sich schon sehr viele beteiligenund an denen sie weiterarbeiten wollen. Aber genau dafür werden die Menschen in Russlandbestraft, festgenommen, gefoltert und marginalisiert.

Galina Rymbu, zeitgenössische Dichterin, schreibt in ihrem Gedicht “Du bist die Zukunft”:

“Und unser Haus
ist ein Land, abgegrenzt von allem,
eine anarchistische Kommune,
wo die Kater mit unsgleichgestellt sind
und auf dem Tisch schlafen”.

Yulia ist in so einem “Land” aufgewachsen. Anna Khodyreva (Yulias Mutter) erzählt über Yulias Kindheit in den wilden und stürmischen 90ern: Wie sie und eine Gruppe anderer Frauen eine kreative Kommune auf dem Ödland aufgebaut hatten, wo die Kinder Kenntnisse über die Welt auf alternativem Wege erlangten: durch Kunst und Theater.

Yulia war ein für die staatlichen Strukturen "unbequemes" Kind mit einer "falschen" und "des Lebens in der Familie unwürdigen" Körperlichkeit. Das war der erste patriarchale Mythos, den Anna Khodyreva entmythologisiert hatte. Sie überwand die Unterdrückung der totalen medizinischen Institutionen und übernahm selbst das, was die Gesellschaft dem Staat anvertraute - die Wahl der Methoden für Kindererziehung und -entwicklung. Wir befinden uns in einer fluiden Welt, wo sich alles transformiert und vom Kind und für das Kind geschaffen wird. Diese Fluidität findet sich auch in der Beziehung zwischen Mutter und Tochter, in der Bereitschaft zur Akzeptanz und dem Aufgeben von Erwartungen.

Small town girl Yulia Tsvetkova wird erwachsen und Feministin und schafft systemrelevante Strukturen: das Theater und die Gemeinschaft “Komsomolka. Feminismus der Überquerungen” und das Projekt “Vagina Monologe”.

Das aktivistische Jugendtheater “Merak” ist ein Versuch von Yulia und der Gruppe der Kinder und Jugendlichen aus Komsomolsk-am-Amur zu zeigen, wie man mit dem Theater die Realität ändern kann. Gender-Stereotype, patriarchale Gewaltkultur und Marginalisierung, auf denen der Staat seine “Werte” begründet, werden von den Kindern und Jugendlichen selbst entmythologisiert. Mit den Mitteln des Forumtheaters, welches die Kritik als Ausgangspunkt für eine alternative Problemlösung nutzt, präsentieren Yulia als Regisseurin und die Kinder und Jugendlichen als gleichgestellte Autor*innen alternative Gesellschaftsmodelle. Die lokale Polizei sieht “homosexuelle Propaganda” in diesen Aussagen, sucht Antworten bei den Kindern und provoziert schließlich die Schließung des Theaters.

Die "Vagina Monologe" von Eve Ensler und Gewalterfahrung in Beziehungen lassen Yulia eine Online-Gruppe in Sozialen Medien erstellen, die sich mit der Körperlichkeit und dem Recht der Frau, die eigene Sexualität und Physiologie zu erforschen sowie neue Narrative zu schaffen, beschäftigt. Davon handelt auch die Poesie von Galina Rymbu (Ukraine, Lwow) und Deenara Rasuleva (Deutschland, Berlin). Beide reagieren auf Yulias Tsvetkovas Fall mit den Gedichten ("Meine Vagina", "Russland isst/frisst"). Für "die sanften Vagina Zeichnungen" drohen Yulia bis zu sechs Jahren Gefängnis. Sexuelle Aufklärung und Empowerment werden als Verbreitung von Pornographie bezeichnet.

Feminismus ist eine Unmöglichkeit “in dem kleinen feministischen Weltchen” zu leben. Yulia Tsvetkova sagt es oft. Die Aktivist*innen aus verschiedenen russischen Regionen gehen auf die Straßen für Solidarität mit Yulia - #заЮлю. Sie wissen, dass sie dafür eine Haft- und Geldstrafe kriegen können. Einmal festgenommene Aktionist*innen machen ihre Aktionen weiter, um Yulia zu unterstützen. Daria Serenko (Dichterin) hat geschrieben: “Ich halte meine Festnahme für illegal, aber ich akzeptiere mein ziviles Schicksal”. Die Ketten der Solidarität überschreiten die Grenzender Region Chabarowsk und Russland.

Noch im Oktober 2019 hat Yulia geschrieben: “In der letzten Zeit ist die schwierigste Frage fürmich: Haben sie Sie in Ruhe gelassen? Die zweit schwierigste Frage: Was wollen sie den vonIhnen? Das Problem ist: Ich habe keine Antworten auf beide Fragen.” Zusammen mit der Dichterin und feministischen Aktivistin Deenara Rasuleva stellen wir auch diese Frage:

“Wie kannst du, Russland, Rossiyushka,
Deine Töchter einkerkern und töten
Für ihre Worte, für ihre Lieder, für ihren Aktivismus,
Für ihre Augen, dafür, dass sie als Frau geboren sind,
wie kannst du nur, deine Kinder im Untergrund foltern, oh Russland, Rossiyushka?”
(aus dem Russischen von Anastasia Tikhomirova)

Kuratorin der Ausstellung: Kira Shmyreva. Das Konzept wurde zusammen mit Yulias Mutter Anna Khodyreva entwickelt.

Vorbereitung der Ausstellung: Anna Yudina, Anna Krivtsova, Anna Laletina, Katya Romanova, Vica Kravtsova, Alexandra Neuman, Sofia Ocherednaya, Daria Kolesova, Anna Markevich, Sophia Komova, Elina Evstigneeva, Sarah‌ ‌Claire‌ ‌Wray,‌ ‌Evgenia Damme, David Verdzadze, Anaita Azizi, Margarita Malina, Anna Zaglyadnova,‌ ‌Julika‌ ‌Lingel,‌ ‌Nastya Chasovskikh, Valeria Kotova, Taya Malezhik, Olya Senkova, Daria Golovko, Nikolay Tatarko,‌ Sergey Shabokhin, Sergey Medvedev‌, Marina Fischer, Daniel, Peter, Samuela Nickel.

Künstler*innen: Yulia Tsvetkova, Anna Khodyreva, Yana Smetanina, Deenara Rasuleva, Daria Apakhonchich, “Urodiny”, Daria Serenko, Galina Rymbu, Friedrich Chernyshev, Sofia Savina, Anastasia Rezyuk, Anna Markevich, Alisa Gorshenina, Sophia Komova, Asya Rebyata, Evgenia Strakhova, Darya @hideousdanon, Victor Revers, Sonya @soniabubble, Anna Yudina, Daria Kolesova, Katya Refenstahl, “Schvemy”, Paola de Ramos, Jeanna Kolesova, Polina Welscher, Elina Evstigneeva, Alla Gorbunova, Lisa Neklessa, Anna Rus, Inna Krasnoper.

Künstler*innen, Dichter*innen und DJs, die bei der Eröffnung Live-Acts hatten: ‌Janina Akh,‌ ‌Deenara Rasuleva,‌ ‌Daria Kolesova,‌ ‌Elvina Valieva,‌ Daria Ma,‌ Yulia Vilianen,‌ ‌dj‌ ‌Yulav,‌ ‌dj‌ ‌Hotbitch.

Das Team von ‌Kulturfabrik‌ ‌Moabit, ‌Slaughterhouse, ‌Filmrauschpalast‌ ‌und ‌Kufa‌ ‌Café: ‌Thomas,‌ ‌Sophia,‌ ‌Robin,‌ ‌Peter,‌ ‌Tina,‌ ‌Jonas,‌ ‌Mirko.

Die Besitzer*innen der in der Ausstellung verwendeten Objekte: Magdalena, Valeria, Inna.